Notizblog & Ortsgeschichte | Anmerkungen

zu Clemens M. Hutter, 2002 (Autor)

Stand 11.07.2020

Quelle

Clemens M. Hutter: Hitlers Obersalzberg: Schauplatz der Weltgeschichte. Berchtesgaden 2002 [1. Aufl. 1996].

Biografisches

Clemens M. Hutter (* 1930) ist österreichischer Journalist und Schriftsteller und Dr. phil. (Philosophie, Politologie, Soziologie). Schwerpunkte unter seinen über 45 Büchern sind Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Zeitgeschichte und Alpinistik, dazu gehören zahlreiche Bildbände, Wander- und Themenführer. So schrieb Hutter über "Stadtwandern Salzburg", "Christian Doppler", "Rassen-, Klassen-, Massenmord: Anatomie des Totalitarismus" u.a. Mit seinen Publikationen über den faschistischen und den marxistisch-leninistischen Totalitarismus machte sich Hutter einen guten Namen. Davon zeugen auch zahlreiche Preise für journalistische und publizistische Leistungen. Er war Ressortchef für Außenpolitik bei den Salzburger Nachrichten (aus Hutter 1999 und Hutter 2002). Über Leben und Werke von Clemens M. Hutter findet sich seit 2019 ein Artikel im Salzburgwiki (externe Quelle).

Aus meiner Sicht

Ein Buch, das von unverblĂĽmter historischer Sachlichkeit und Wissen zeugt, und mich berĂĽhrt und beeindruckt hat.

Das Copyright von Hitlers Obersalzberg: Schauplatz der Weltgeschichte liegt laut Impressumseite (2002) beim Berchtesgadener Anzeiger, ebenso die Gesamtherstellung (softcover, Broschur, Taschenbuch), kleiner Mangel neben dem hervorragenden Inhalt sind die (geringfĂĽgigen fĂĽr diesen Druck unkorrigierten) "Tippfehler". Das Buch ist 64 Seiten stark, (leider) ohne Inhaltsverzeichnis, sodass ich hier eines hinzufĂĽge. Warum mache ich mir diese MĂĽhe?

Das aus meiner Sicht lesenswerte Buch ist geeignet, um sich mit dem Obersalzberg und der Ambivalenz des verblendeten Rassisten, Massenmörders und Kriegsverbrechers Adolf Hitler, der alle Juden und die Demokratie hasste, historisch sachlich und gleichzeitig der freiheitlichen Demokratie verbunden vertraut zu machen und den unbarmherzigen Diktator zu demaskieren (vgl. zB das Zitat "Hitler – der Massenmörder" unten). Hitler war ein Politiker, der Demokratie und Meinungsfreiheit dazu mißbrauchte, um sie abzuschaffen und Andersdenkende zu quälen und auszurotten und der bereits am Anfang seines Weges angekündigt hatte, sich umzubringen, wenn seine Gewaltpläne misslingen würden. Was dann auch geschah – unter unsagbaren Opfern für unzählige Menschen und viele Nationen. Das Buch ist meiner Meinung nach für den pädagogischen Bereich als Lese- und Unterrichtsstoff geeignet.

Bei mir weckte das Buch erstmals den Wunsch, den Obersalzberg bei nächster Gelegenheit aufzusuchen – und das wäre mein erster Besuch, obgleich ich schon mehrmals in den letzten Jahren in Berchtesgaden gewesen war und Jahre zuvor der Ausstellung in der Dokumentationsstelle Obersalzberg durch die Zusendung der Biografie von Elfriede Löhr, einer Frau im gewaltlosen Widerstand gegen den Nationalsozialismus aus religiösen Gewissensgründen, zugearbeitet hatte.

Inhaltsverzeichnis (von mir hinzugefĂĽgt), Hutter: Hitlers Obersalzberg.


Schauplatz der Weltgeschichte – 3
"Bring doch endlich den Hund um!" – 5
"Herr Wolf" taucht auf – 13
Zehn Quadratkilometer "Führergelände" – 19
Hitlers Weg in den Krieg – 27
"... halte ich mir eben ein Mädchen" – 32
Hitler – der Massenmörder – 40
Hitler – der Kriegsverbrecher – 45
Hitler – der Hochverräter – 51
Adolf Hitler beim Wort genommen – 59 [Sammlung von Hitler-Zitaten:]
Politik, Macht und Gewalt – 59
Führerprinzip und Demokratie – 59
Krieg und Gewalt – 60
Osten und Lebensraum – 60
Zwangsarbeiter – 61
Politische Aktionen in Europa – 61
Verträge und Völkerrecht – 62
Rassismus und Juden – 62
Literatur zum Thema Hitler – 64

Aus dem Inhalt (kleine Auswahl, Kurzzitate)


"Schauplatz der Weltgeschichte. Adolf Hitler: 'Für mich war der Obersalzberg etwas ganz Herrliches geworden. Ich habe mich ganz verliebt in die Landschaft. Es sind die schönsten Zeiten meines Lebens. Meine großen Pläne sind dort entstanden.'

Und auch die Pläne zu beispiellosen Verbrechen.
Hitler hat auf dem Obersalzberg keineswegs nur Kinder gestreichelt, sondern die Angriffskriege auf Polen und die Sowjetunion ausgeheckt.

Er hat hier nicht nur Staatsmänner und Diplomaten empfangen, sondern auch die Annexion Österreichs und des Sudetenlandes sowie die Zerstörung der 'Rest-Tschechei' politisch orchestriert.

Hitler hat sich im Berghof nicht nur charmant eleganter Damen angenommen und als umsichtiger Hausherr vor Gastmählern sogar die Gedecke überprüft; hier stellte er vor hundert Industriellen auch seine Flucht in den Selbstmord in Aussicht, falls der Krieg verlorenginge.

Hitler hat auf dem Obersalzberg nicht nur mit Hunden gespielt und Rehe geherzt, hier gab er auch die Anweisung zur 'Endlösung der Judenfrage' – dem ersten industriell organisierten Massenmord der Geschichte, dem an die 6 Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Hitler hat sich in den Obersalzberg nicht nur verliebt; er mißbrauchte ihn zur Selbstinszenierung als leutseliger Urlauber, als Tierfreund, als umgänglicher Gastgeber; er mißbrauchte ihn als propagandistisches Kontrastprogramm zum Massenmörder, Kriegsverbrecher und Hochverräter.

Auf dem Obersalzberg wurde niemand gefoltert, erdrosselt, erstochen, erschossen oder vergast; hier war weder Dachau noch Auschwitz; hier besudelte niemand seine Hände mit Blut.

So konnte der Obersalzberg zu Hitlers friedlichem Feriendomizil verniedlicht werden. Das war die perfekte Tarnung für den perfidesten Schreibtischtäter der Geschichte" (Hutter 2002, Seite 3).

"Als neuer Reichskanzler genoß Hitler 1933 sichtlich das Bad in der Menge auf dem Obersalzberg. Doch das Erfordernis, Hitlers Sicherheit zu gewährleisten, unterband schon sehr bald solche Szenen. Man möchte nicht meinen, daß dieser anscheinend so leutselige Mensch damals auch erklärte: 'Wir müssen das gute Gewissen zur Grausamkeit wiedergewinnen (und so) unserem Volk die Gemütlichkeit und die Dämmerschoppenseligkeit austreiben.'" (Hutter 2002, Seite 6, Bildunterschrift).

"Die Pension 'Moritz'. Hier stieg Hitler 1923 bei seinem ersten Besuch Berchtesgadens ab und begeisterte sich an der großartigen Rundsicht. Dieses Haus, später in 'Platterhof' umbenannt, war damals eine von sechs komfortablen Herbergen auf dem touristisch längst geschätzten Obersalzberg. Davon zeugten ein Sanatorium für Kinder und elf Villen nobler Städter. Im 'Moritz' hatten u.a. Freud, Brahms und Schnitzler Urlaub verbracht. 1936 requirierten die Nazis den 'Platterhof' für einen Spottpreis und bauten ihn zum 'Volkshotel' um. Dieses überstand 1945 den Bombenangriff und wurde bis 1995 von den Amerikanern als 'Hotel General Walker' betrieben" (Hutter 2002, Seite 11, Bildunterschrift).

"Bis 1936 diente das Sträßchen von Berchtesgaden zum Obersalzberg im Winter als 'Holzführweg', Rodelbahn und Skiabfahrt. Das endete schließlich abrupt mit dem größenwahnsinnigen Ausbau und der Sperre des 'Führergeländes'" (Hutter 2002, Seite 11, Bildunterschrift).

"Gegen Ende der Zwanzigerjahre wurde der Bau einer Zahnradbahn ab Berchtesgaden erwogen, um den Obersalzberg für den Skisport zu erschließen. Der Voranschlag geriet dann aber zur Sparvariante mit 'Raupenautos', wie sie damals einige Jahre auf dem Radstädter Tauern und auf Schweizer Paßstraßen eingesetzt wurden. So ein Gefährt hatte 10 Sitzplätze und schaffte mit 50 PS auf der Ebene 55 km/h und in Schnee Steigungen bis zu 40 Prozent. Die Fahrt auf den Obersalzberg – 400 Höhenmeter und 4 Kilometer – dauerte 30 Minuten und kostete nach dem Geldwert von 1996 stolze 35 Mark" (Hutter 2002, Seite 12, Bildunterschrift).

"Das idyllische Haus 'Wachenfeld' in Traumlage auf dem Obersalzberg. Hitler erwarb schließlich das Haus und ließ es später mit gewaltigem Aufwand zu einer Art zweiten Regierungssitz ausbauen, der dann aber 'Berghof' hieß. Man beachte das Küchengärtchen vor dem Haus und die Bleichwäsche auf der Wiese. Rechts im Bild Hitler auf dem Weg zu seinem Pkw" (Hutter 2002, Seite 14, Bildunterschrift).

"Für den Reichskanzler Hitler reichte diese kleinbürgerliche Idylle des Hauses 'Wachenfeld' nicht mehr. Gleich nach dem Kauf 1933 wurde das Haus um eine Terrasse, einen Wintergarten und Garagen erweitert. 1935/36 baute schließlich der Münchner Architekt Alois Degano 'Wachenfeld' auf viermal größerer Grundfläche nach Hitlers Skizzen zum pseudoalpin-herrschaftlichen 'Berghof' mit 30 Räumen um. Technisches Glanzstück war das 8 mal 4 m große versenkbare Fenster in der Halle, das den Blick auf das großartige Panorama zwischen Hochkalter und Salzburg freigab.

Auch diese Baukosten bestritt der Führer locker aus eigener Tasche. Immerhin erklärte er 1933 dem Fiskus ein Einkommen von 8,5 Mill. Mark (Geldwert 1996), darüber hinaus bezog er sein Kanzlergehalt von rund 420.000 Mark.

Hitler machte den Obersalzberg zum Wallfahrtsort der Genossen und Gaffer, weshalb die Bettenkapazität der Region allein von 1933 auf 1934 um 4.323 auf 10.540 stieg. In Prozessionen wurden die Menschen unterhalb von 'Wachenfeld' vorbeigeführt. Wenn der Führer Zeit hatte, stellte er sich offenkundig sehr gerne in Zivil dem Händeschütteln und den Kameras. Beanspruchten aber höhere Aufgaben oder Ruhebedürfnis seine Zeit, dann mußten sich die Menschen mit einem Blick auf Hitlers Domizil jenseits der Rufweite bescheiden. Und die Wachen setzten das Verbot durch, daß 'ständig jede Bewegung des Volkskanzlers mit dem Feldstecher beobachtet wird'.

Sogar in Salzburg schritt die Polizei gegen Leute ein, die von der Festung oder den Stadtbergen aus mit Fernrohren den Obersalzberg in Augenschein nahmen: Dies störe die Privatsphäre des Führers.

Die Idylle auf dem Obersalzberg hatte der bescheidenen touristischen Erschließung durch den Bau der Pension 'Moritz' (später 'Platterhof') 1877 durchaus noch standgehalten. Angezogen von Szenerie und gesundem Höhenklima, stiegen dort u.a. Clara Schumann, Johannes Brahms, Peter Rosegger oder Ludwig Ganghofer ab. Das änderte sich nun zwangsläufig, weil der Obersalzberg nach Plänen der Nazipartei 'in aller Zukunft Wallfahrtsort des deutschen Volkes' bleiben und obendrein den Erfordernissen einer Mischung aus zweitem Regierungssitz, Ferienhaus und Lustschloß genügen sollte. (Weshalb auch in Ainring bei Reichenhall schon 1933 ein Flughafen ausschließlich für den Bedarf von Regierung, Partei und den täglichen Kurierdienst gebaut und später dem Flugzeugwerk Ainring zur Verfügung gestellt wurde.)" (Hutter 2002, Seite 19).

"Bereits im Sommer 1933 mußte der unterdessen vom Wirtshaus zum Hotel gemauserte 'Türke' wegen des viel zu geringen Respektabstandes von gut 100 Metern zum Berghof schließen. Sein Besitzer aber, ein harmloser Parteigenosse aus der braunen Gründerzeit, wurde als Opfer einer üblen Verleumdung ohne Entschädigung enteignet. Das Haus aber wurde wegen seiner Nähe zum Berghof erst für die Wachmannschaften der SS und später für den Sicherheitsdienst der Nazis adaptiert.

Ein 3 km langer Zaun umschloß das 'Führergelände', das Gäste gelegentlich als Freigehege für politische Raubtiere bewitzelten. Es war nur durch zwei bewachte Tore zu betreten und wurde später weiträumig durch einen fast 10 km langen Zaun doppelt gesichert.

Was fürderhin auf dem Obersalzberg geschah, tanzte nach Martin Bormanns Pfeife [...] Auf dem Obersalzberg raffte er bis 1937 mit Zuckerbrot und Drohung gegen Widerborstige ('Weigerung könnte nur mit Ihrer Einweisung in das KZ Dachau beantwortet werden ...') rund 10 Quadratkilometer Grund zusammen und bezahlet dafür annäherend 50 Mill. Mark (Geldwert 1996).

So wichen 51 Anwesen mit 400 alteingesessenen Obersalzbergern einem rücksichtslosen Bauboom, der diese Prachtlandschaft bis 1944 in eine Riesenbaustelle verwandelte. Sogar im Krieg schufteten hier durchschnittlich 3.000 Arbeitskräfte – vorwiegend Italiener, aber auch 'arbeitsverpflichtete' Tschechen, Polen und Ukrainer. [...]" (Hutter 2002, Seite 20).

"Da entstanden u.a. rings um einen riesigen Exerzierplatz mit unterirdischer Schießhalle zwei große Kasernenblocks (für 350 SS-Wachmannschaft), ein Fahrerhaus, eine Großgarage für den Wagenpark, eine Theater- und Filmhalle für 2.000 Personen (zur Unterhaltung des gesamten Personals auf dem Obersalzberg), ein Hotel (samt eigenem Personalhaus) für Hitlers Gäste, ein Verwaltungszentrum, ein Kindergarten, eine permanente Architektur-Ausstellung, ein Gutshof (mit 80 Rindern, 100 Schweinen und 60 Haflinger-Zuchtstuten), ein Gewächshaus von 110 mal 26 m Fläche (heute betonierter Parkplatz neben der Kehlstein-Busstation), eine Adjutantur sowie die noch bestehenden Siedlungen Hintereck, Klaushöhe und Buchenhöhe (samt Schule, Kindergarten, Wirtshaus, Geschäft und Turnhalle) für die wachsende Zahl der Angestellten. Als strategisch hochmoderne Draufgabe deckte noch ein dichtes Netz von Straßentelephonen den Bedarf der braunen Prominenz, wann immer sie irgendwo auf dem Obersalzberg lustwandelte.

Allerorten standen Wohnbaracken, Lkw-Verkehr dröhnte Tag und Nacht durch die Bergeinsamkeit, sofern der ruhebedürftige Führer nicht im Berghof weilte, und ein Netz von 42,1 km Straßen legte sich über dieses alte Bauernland. Alles das und die Nachtschichten fraßen derart viel Strom, daß das Berchtesgadener Land ab 1936 mit einigen Kleinkraftwerken und einem Heizkraftwerk (Dieselmotor von 500 kW Leistung) nicht mehr genug Strom produzierte. Auch fehlte ein Stromanschluß nach Bayern über Reichenhall, das selbst an chronischem Strommangel litt. Deshalb folgte 1938 dem Anschluß Österreichs sogleich der Anschluß an die städtischen E-Werke der Stadt Salzburg. Somit konnte der 500-kW-Generator in Berchtesgaden als Notstromaggregat für das 'Führergebiet' in Reserver gestellt werden" (Hutter 2002, Seite 20, 21).

"Von hier aus [Schloß Fuschl, am gleichnamigen Salzkammergutsee] managte [Außenminister Joachim von] Ribbentrop seine noblen Gästehäuser im Vorfeld des Obersalzbergs: Das elegante Schloß Kleßheim bei Salzburg [Gemeinde Wals-Siezenheim (Ortschaft Kleßheim)] und den vornehmen 'Österreichischen Hof' in der Mozartstadt" (Hutter 2002, Seite 23).

"An diesem Postenhäuschen oberhalb der Großgarage wurde Volksvermögen sinnlos verpraßt. Weil sich Bormann einbildete, daß es talseitig an der Straße stehen müsse, wurde ein 20 m tiefes Betonfundament durch den steilen Erdhang auf den Felsgrund gesetzt. So kam ein 22.000 Mark (Geldwert 1996) teures Häuschen für 800.000 Mark zu einem Betonsockel" (Hutter 2002, Seite 26, Bildbeschreibung).

"Hitlers Weg in den Krieg. Deutschlands Weg in den totalitären Willkürstaat und in den Zweiten Weltkrieg begann am 3. Februar 1933. Das war nur vier Tage, nachdem Hitler am 30. Januar 1933 eine Koalition mit rechten Parteien zustandegebracht hatte und von Reichspräsident Hindenburg zum Reichskanzler ernannt worden war. Der Nazi-Jargon heroisierte diesen Vorgang zum 'Tag der Machtergreifung'.

An jenem 3. Februar eröffnete nun Hitler der versammelten militärischen Führung in zweistündiger Ansprache, dass die Aufrüstung Deutschlands erstes Erfordernis sei. Deshalb müsse das 'krebsartige Geschwür, die Demokratie', ausgerottet werden. Sobald dann Deutschland wieder mächtig sei, beginne die 'Eroberung neuen Lebensraumes im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung'.

Dann ging es Schlag auf Schlag. Am 23. Februar 1933 wurde aus 50.000 Mann der SA und der SS eine Hilfspolizei gebildet, eine bewaffnete Parteiarmee mit dem Auftrag, jegliche Opposition niederzuknĂĽppeln. Damit das auch radikal fuktioniere, ersetzte die berĂĽchtigte 'Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat' vom 28. Februar 1933 den Rechtsstaat durch den permanenten Ausnahmezustand. Den willkommenen Vorwand dafĂĽr bot die Brandstiftung im Reichstag in der vorangegangenen Nacht.

Dieses wichtigstes aller Gesetze des Dritten Reiches lieferte Hitlers Diktatur die scheinlegale Rechtsgrundlage. Es strich alle Grundrechte und ermächtigte Polizei, 'auch außerhalb der gesetzliche Grenzen' zu verhaften, unbeschränkte Haftdauer zu verhängen und Verhaftete der Justiz zu entziehen.

Diese Chance ließ sich der kommissarische Münchner Polizeipräsident, SS-Chef Heinrich Himmler, nicht entgehen. Schon am 20. März 1933 eröffnete er bei Dachau das erste 'Schutzhaftlager' für 5.000 Personen – das erste KZ, in dem bis 1945 206.000 Häftlinge gequält und 32.000 umgebracht wurden.

Hitler legte großen Wert auf den Anschein von Legalität. So erpreßte er im Klima des braunen Terrors das Parlament am 21. März 1933 zum 'Heimtückegesetz' (das den Terror gegen jegliche Opposition legalisierte) und zwei Tage später zum 'Ermächtigungsgesetz' – zum Selbstmord der deutschen Demokratie. Fortan 'durfte' die Regierung Gesetze erlassen, die 'von der Verfassung abweichen', die politischen Parteien auflösen, die NSDAP per Gesetz zwecks 'Sicherung der Einheit von Partei und Staat (Dezember 1933) zur Staatspartei erklären sowie alle Medien gleichschalten und umfassender Zensur unterwerfen. Hitler bekam also ganz legal seinen terroristischen Willkürstaat: 'Die Grundlage der Auslegung aller Rechtsquellen ist die nationalsozialistische Weltanschauung.' Deren Deutung aber lag ausschließlich beim Führer. Am 2. Mai 1933 wurden Gewerkschaften und Arbeitnehmerverbände durch die 'deutsche Arbeitsfront' ersetzt, in der die Gestapo den sozialen Diktatfrieden erzwang. Da durfte nun [...]" (Hutter 2002, Seite 27, 28).

"Unbestritten ist die Tatsache, daß Hitler binnen vier Jahren fast 6 Millionen Arbeitslose von der Straße wegholte. Dieser internationale Propagandaschlager setzte freilich voraus, daß das totalitäre Regime die Rüstungsindustrie mit riesigen Aufträgen zum Motor der Wirtschaft machte. So ging von 1933 bis 1939 nicht weniger als ein Sechstel des deutschen Inlandsprodukts in die Rüstung" (Hutter 2002, Seite 28).

"Hitler wollte Deutschland stark, nicht aber die Deutschen reich machen. Folglich lag die KonsumgĂĽterproduktion 1938 noch immer unter dem Niveau von 1928; und 54 Prozent der Deutschen lebten 1938 von kĂĽmmerlichen 670 Mark (Geldwert 1996) oder weniger im Monat" (Hutter 2002, Seite 29).

"Unter dem Eindruck zunehmender Bombenangriffe der Alliierten begann 1943 die militärische Sicherung des Obersalzbergs durch den Bau von 5 km Stollen und 4.000 Quadratmeter luxeriösen 'Wohnraums' im Berg. Außerdem wurden rings um den Obersalzberg zehn Flugabwehr-Stellungen für 54 Geschütze gebaut. In diesen Anlagen taten bis zu 2.000 Mann der SS Dienst" (Hutter 2002, Seite 40, Bildunterschrift).

Hitler – der Massenmörder. Henriette von Schirach, Tochter von Hitlers Leibfotografen Hofmann und Ehefrau des Gauleiters von Wien, löste am Karfreitag 1943 im Berghof [Obersalzberg] einen beispiellosen Skandal aus. Eben aus den Niederlanden zurückgekehrt, schilderte sie abends in Hitlers Runde am Kaminfeuer empört, wie da nachts Jüdinnen von SS und Gestapo durch die Straßen Amsterdams getrieben worden seien. Sie habe nichts gegen die 'Abschiebung' der Juden in den Osten, aber mit derart brutalem Getöse? Betretenes Schweigen, eine Weile durchbohrte Hitler Frau Schirach mit dem Blick, plötzlich schrie er sie an: 'Sie sind sentimental! Was haben Sie sich um die Judenweiber zu kümmern! Das sind alles Sentimentalitäten, Gefühlsduselei!' Hitler tobte weiter, derweil Frau Schirach in ihr Zimmer eilte. Dort fing sie ein Adjutant ab: 'Warum haben Sie das getan. Sie haben ihn so zornig gemacht, fahren Sie sofort ab, jetzt gleich!'" (Hutter 2002, Seite 40).

"Entartet, verjudet, bolschewistisch – so lautet das agitorische Leitmotiv des Rassisten Hitler. Aber weder er selbst noch Himmler, Goebbels oder Bormann entsprachen seinem Idealbild von 'nordischer Herrenrasse': Groß, blind, blauäugig.

In seinen Wiener Trödeljahren hatte Hitler jede Menge rassistisch-mystischen Stuß über Arier, Juden und Slawen verschlungen und sich über den 'geilen Blick' empört, mit dem schäbige 'Kaftanjuden' blonde Mädchen verfolgten. Das formte schließlich Hitlers rassistischen Antisemitismus: Juden seien Urheber der Sozialdemokratie und des Kommunismus; Juden kontrollierten die Börsen, die Arbeiterbewegung und die Kultur; Juden hielten die Bauern in Zinsknechtschaft; Juden seien Ungeziefer und Parasiten in jedem gesunden Volk – also gehören sie ausgerottet.

Seinem Kriegskameraden Josef Hell erklärte der 33jährige Hitler 1922 in einem Haßausbruch: 'Wenn ich einmal wirklich an der Macht bin, dann wird die Vernichtung der Juden meine erste und wichtigste Aufgabe sein. [...]" (Hutter 2002, Seite 41).

"Dieser blindwütige Rassenhaß verführte Hitler zur unglaublichen Dummheit, die Kernphysik als 'jüdische Physik' abzutun und deshalb auch die Entwicklung der Atombombe als militärisch nutzlos abzulehnen (dazu hätten ohnehin Zeit und Mittel gefehlt).

So hat also der Mann, der auf dem Obersalzberg Kinder streichelte, auch Millionen Juden auf dem Gewissen: Mindestens 3 Millionen Vergaste und mindestens 2 Millionen Opfer der 'Einsatzgruppen', der 'Vernichtung durch Arbeit' und der 'Getto-Säuberungen'.

Und jener Mann, der sich im Berghof charmant eleganter Damen annahm und als umsichtiger Hausherr vor Gastmählern sogar die Gedecke überprüfte, dozierte seiner Tischrunde: 'Wir werden die Gesundheit nur erlangen, wenn wir den Juden ausrotten.' Seinem Sekretär Bormann diktierte er noch am 2. 4. 1945: 'Man wird ewig dafür dankbar sein, daß ich die Juden in Europa ausgelöscht habe.'

Der Mann aber, der auf dem Obersalzberg mit Hunden spielte und Rehe herzte, blieb bis zu seinem Selbstmord am 30. 4. 1945 im Bunker unter den Trümmern der Berliner Reichskanzlei der hemmungslose Hasser. Sein Testament vom Tag vorher endet mit diesem irrwitzig infernalistischen Satz: 'Vor allem verpflichte ich die Führung der Nation und die Gefolgschaft zur peinlichen Einhaltung der Rassegesetze und zum unbarmherzigen Widerstand gegen den Weltvergifter aller Völker, das internationale Judentum" (Hutter 2002, Seite 44).

"Insgesamt wurden auf dem Berghof von Sommer 1936 bis zum 14. Juli 1944 – Hitlers endgültigem Abschied vom Obersalzberg – 39 Gäste im Rang von Staatsbesuchern oder Botschaften registriert, davon fielen 13 in Friedenszeiten. 23 Gäste waren Bündnispartner oder Satelliten (wie Kroatien, die Slowakei, Rumänien oder Bulgarien), sechsmal kam der italienische Außenminister Ciano, zweimal Mussolini, dreimal Japans Botschafter Oschima.

Andererseits verdeutlicht die Besucherliste auch die internationale Isolierung Hitlers. Sie fiel ab dem Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 auch zusammen mit wachsender Vereinsamung Hitlers. Nach den erste Mißerfolgen mied er zunehmend die Öffentlichkeit. Er weigerte sich, seine Geisterwelt zu verlassen, zerbombte Städte zu besuchen und die Menschen dort aufzumuntern. Stattdessen schwelgte er in Luftschloßarchitektur für Berlin und Linz.

Die großen Niederlagen ab der Jahreswende 1942/43 entlarvten die Führungsschwäche Hitlers: Ihm fehlten die Erfolge, mit denen er die Massen demagogisch hätte aufputschen können. Daß diese Erfolge ausblieben, legte er in beispielloser Infamie dem 'deutschen Volk' zur Last" (Hutter 2002, Seite 55).